100km von Biel

11. - 12. Juni 2004

 
BIEL

Biel 100km

Mit slowy, Schleicher & Tobigo vom ForumTeam des Berlin Marathons, SCC- und Berliner Lauffreunden wohnen wir im Saligut, einem Schweizer Zivilschutzbunker. Wir schlafen in Zimmer Nr. 6, voll mit Bielspezialisten, die die Strecke teilweise in- und auswendig kennen. Über viele Tipps, angefangen von der richtigen Kleidung bis zu Durchhaltetricks erfahre ich dankenswerterweise alles, komme mir aber auch gleichzeitig ganz klein und unwissend vor.

Biel 100km


NACHMITTAG

Wir sind nachmittags im Festzelt, als es zu regnen beginnt. Schöne Aussichten! Diese steigern sich ins Unermessliche, als der Regen in einen langen Wolkenbruch übergeht. Alles schaut entsetzt nach draußen! Zum Glück beruhigt sich das Wetter aber nach einiger Zeit wieder.


VOR DEM START

Mit Nicole, Gunnar und Tobigo wandere ich zum Schild "Km 99" und nehme mir fest vor, dieses Schild am nächsten Morgen von der anderen Seite kommend wieder zu sehen.


START

Noch immer ist für mich diese lange Strecke so unvorstellbar, dass ich relativ ruhig und fast gar nicht aufgeregt bin. Ganz die Ruhe sind wir aber alle nicht, dazu machen wir einfach zu viele kleine Witze und Sprüche. Der Start ist um 22 Uhr, endlich geht es los.

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DIE ERSTEN KILOMETER

"Michael: langsam!!" Immer wieder sage ich mir das, um ja nicht zu schnell loszulaufen. Das ist gar nicht so einfach, da alle um mich herum sehr schnell losstürmen und auch mir ein 6er-Schnitt extrem langsam vorkommt. Doch nach der ersten Steigung pendelt sich mein Schnitt langsam in dieses Tempo ein. Ich laufe so, dass es mir total gut geht und ich immer noch das Gefühl habe, etwas zu langsam zu sein. Nach einen Anstieg ein letzter Blick zurück auf die Lichter von Biel und andere Orte am Bieler See, dann geht es hinaus in die dunkle Nacht.


DIE NACHT DER NÄCHTE

Durch die Regenwolken wird die Nacht sehr dunkel. Es geht durch Ortsdurchfahrten, über große & kleine Asphaltstraßen, Feld- & Waldwege, meistens auch ohne Stirnlampe gut zu erkennen, auch wenn ich ab und zu überrascht in einer Pfütze lande. Ab etwa Km 20 kommen die Fahrradfahrer dazu, die als Coach für manche Läufer mitfahren, mit ihren Lampen immer für Beleuchtung sorgen und nur sehr selten auch mal etwas behindern. Durch die Dunkelheit beginnen meine Augen langsam abzuschalten, der Geruchssinn nimmt zwar viel wahr, doch insgesamt verfalle ich in eine Art Trance / Meditation, in der alles nur noch läuft - noch immer mit dem Motto "Michael: langsam!!".


ZUSCHAUER UNTERWEGS

In vielen Orten ist bis weit in die Nacht Volksfeststimmung, mehr als einmal wird mir ein Bier angeboten, was ich aber dankend ablehne. Einige der netten Begegnungen: ein Didgeridoospieler vor einer Scheune, vier applaudierende Zuschauer - weit ab von jeder Ortschaft an einer Kreuzung von Feldwegen auf Campingstühlen sitzend, eine Gruppe Jugendlicher, die "Dope-Kontrolle" rufen - ich denke natürlich "Doping"kontrolle, bis ich durch eine riesige Haschischwolke laufe!


VERSORGUNGSTELLEN & HELFER

Große Klasse! Fantastische Versorgung mit Wasser, Tee, Cola, Brühe, Bananen, Riegeln, Brot! Dazu nette HelferInnen, die trotz der späten Stunde und der nasskalten Nacht ausharren. Ein großes Dankeschön!!


STIMMUNG

Nur ganz kurz: es ist ein Lauf miteinander. Der andere ist kein Gegner, sondern Mitstreiter. An den Versorgungsstellen wird geredet, wer geht wird von anderen aufgemuntert. Im Ziel freuen sich alle über jeden der finished, ganz egal in welcher Zeit.


HO-CHI-MIN-PFAD

Noch immer ist es stockdunkel, es beginnt wieder zu regnen. Plötzlich ruft jemand "ich hasse Vietnam" - da weiß ich, jetzt geht es los. Noch bevor ich auf dem glitschigen Abstieg zum Pfad lande, beginnt ein gigantischer Wolkenbruch! Die Brille ist von vorne regennass, von hinten beschlagen. Die Stirnlampe ist zwar schön hell, doch der Regen ist dicht wie Nebel, so dass man kaum etwas sehen kann. So stolpere ich mehr, als dass ich laufe über Wurzeln, Steine, Löcher und Schlamm. Als ich nach etwa 2-3 Kilometer das Ende des Waldweges erreiche, hört - wie um mich noch mehr zu quälen - der Regen abrupt auf!


ES WIRD HELL

Der Regen hört auf, der Wolken reißen auf, es dämmert, und es wird heller. Die Vögel beginnen zu singen und es geht durch eine wunderschöne Landschaft weiter. Nach all der Dunkelheit und dem gerade überstandenen Ho-Chi-Min-Pfad & Regen ist dies für mich solch ein wunderschönes Erlebnis, dass ich fast tänzelnd weiterlaufe und mir Tränen der Freude in die Augen schießen.

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"DIE 2. HÄLFTE BEGINNT BEI KM 70"

Wohl wahr. Ich bin zwar noch immer gut drauf, aber so manch ein 5er Kilometerschild will einfach nicht kommen (das Kilometerschild 90 schien vor mir her zu laufen :-) !). Kein Marathon mehr, denke ich mir, muss aber erkennen, dass auch 30km noch eine ewig lange Strecke sind. Doch einen richtigen Einbruch bekomme ich auch weiterhin nicht. Interessant finde ich, dass ich jetzt, wo es hell ist und ich wieder sehe, eher abgelenkt werde und erst einmal eine ganze Zeit brauche, bis ich wieder in den trancehaften Laufzustand komme.


"BEI KILOMETER 90 "STIRBT" JEDER FÜR SICH ALLEIN"

Trifft bei mir überhaupt nicht zu. Zwar ist die Strecke von Kilometer 85 nach 90 unendlich lange, doch kann ich ca. 7km vor Schluss sogar noch einmal beschleunigen, nur etwas frustriert von den vielen Anstiegen (für Berliner: Berge!!) und Gefällen, die die Bieler auf den letzten 10 km noch eingebaut haben. Bei der drittletzten Versorgungsstelle gönne ich mir eine Cola und lasse mir diese zur Sicherheit auch in meine Trinkflasche füllen. Ein paar Schritte weiter gibt es einem großen Knall und mit einem mächtigen "Blopp" explodiert meine Trinkflasche. Der nette Helfer hatte mir die Cola direkt aus der Flasche mitsamt Kohlensäure abgefüllt!


"BEI KILOMETER 99 NICHT MEHR AUFGEBEN"

Ich laufe die letzten 6 km bereits locker und schnell, aber das mir schon bekannte letzte Kilometerschild zu erreichen ist einfach klasse! Ab jetzt kenne ich die Strecke und laufe locker, den Zeigefinger gestreckt vor mich hinjubelnd: "den nimmt mir keiner mehr" - "selbst kriechend komme ich in einer für mich Superzeit ins Ziel". Runner's High vom feinsten!!! Eigentlich ist der letzte Kilometer viel zu kurz für solch ein Gefühl.


ZIELEINLAUF

Alle werden namentlich begrüßt und beklatscht. Unbeschreiblich! Ich habe diesen Wahnsinn geschafft!!! Ich hopse herum und freue mich, wie ein kleines Kind. Noch schöner ist aber, dass nach und nach auch alle Bekannten erfolgreich ins Ziel kommen!!

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DANKE

Danke an alle HelferInnen in Biel. Danke auch an slowy, Schleicher & Tobigo vom ForumTeam, an Nicole & Gunnar aus Berlin und alle, die ich in Biel kennen gelernt habe. Es war super schön, mit euch in Biel zu sein!

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EINMAL MUSST DU NACH BIEL

Ich hatte einen wunderschönen Lauf und das große Glück ohne Verletzung, Schmerzen und/oder Qualen durchzukommen - mit Sicherheit auch eine Folge meines langsamen Anlaufens!

Ich war tatsächlich einmal in Biel, sogar mit einer für mich tollen Zeit. Es gibt also keinen Grund diesen Wahnsinn noch einmal zu machen!

Oder doch?



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